|
|

Frickenhausen Back to the Roots : "Schwäbische Schwaben" setzen auf die Fans
Der TTC FRICKENHAUSEN ist einer der erfolgreichsten deutschen Tischtennisklubs des letzten Jahrzehnts und auf die Play-Offs förmlich abonniert. 2005/06 und 2006/07 gelang es der Truppe des Erfolgstrainers Qiu Jianxin sogar, den Meistertitel ins Neuffener Tal zu holen. In der "Megasaison" 2005/06 entführte man zudem den Ligapokal und als Krönung auch noch den ETTU-Cup ins "Ländle". 2007/08 brachte man es immerhin noch ins Meisterschaftsfinale gegen die mit Timo Boll übermächtigen Düsseldorfer, während letzte Saison das Play-Off-Halbfinale die Endstation für die Schwaben war. Man war als "Herbstmeister" furios in die Runde gestartet und hatte überall Duftmarken gesetzt, um in der entscheidenden Saisonphase schließlich dem Verletzungspech Tribut zu zollen. Als TTC Müller Frickenhausen/Würzburg konnte man immerhin den kompliziertesten Klubnamen für sich beanspruchen.
Die Liaison mit Mainfranken und Frank Müller wurde nach nur einer Saison beendet, der „Tälesklub" ist somit wieder durch und durch schwäbisch, hat also seine alte, eindeutige Identität zurückerlangt, die ihn stark gemacht hat.
Man setzt 2009/10 im Prinzip auf bewährtes Personal, muss allerdings den Verlust von Nationalspieler Patrick Baum kompensieren. Tan Rui Wu, Bastian Steger und der in seiner ersten DTTL-Saison überragende Tischtennis-Teenager Kenta Matsudaira bilden den Stamm, einspringen könnte der junge schwedische Materialkünstler Fabian Akerström, den es von Steinheim zurück ins Neuffener Tal zog. Tan Rui hatte 2008/09 vom Ergebnis her den Vogel abgeschossen: In der Vorrunde (9:1) brillierte er und zeigte Tischtennis vom Allerfeinsten, in der Rückserie (1:9) lief, gehandikapt durch eine hartnäckige Entzündung im Ellenbogen des Schlagarms, kaum mehr etwas zusammen bei dem 1,60 kleinen, wendigen Linkshänder aus dem Reich der Mitte. Stabil dagegen die Leistungen von Nationalspieler "Basti" Steger (13:5) und Youngster Kenta Matsudaira (11:4). Der junge Japaner mit dem charakteristischen Aufschlag aus der Hocke (Foto) zeigte nicht die geringsten Akklimatisierungsprobleme in Europas stärkster Liga und düpierte gleich in seinem ersten Match im TTC-Dress Tischtennis-Ikone Jan-Ove Waldner. Weitere prominente "Opfer" folgten in Serie. Trainer Qiu Jianxin, dessen Söhnen ebenfalls eine Bundesliga-Zukunft prognostiziert wird, ist für seine vorzügliche Arbeit mit talentierten Spielern bekannt und hält Matsudaira für einen „Rohdiamanten", dem er weiteren Feinschliff verabreichen möchte.
Präsident Rolf Wohlhaupter-Hermann zeigt sich vorsichtig optimistisch: "Wir sind 15 Jahre dabei. So ausgeglichen war die Liga aber noch nie. Unsere Zielsetzung ist der Play-Off-Einzug. Wir wissen aber, wie schwer das in dieser extrem ausgeglichenen Liga ist, in der nur Düsseldorf und Ochsenhausen etwas aus dem Rahmen fallen, alle anderen aber - mit Ausnahme Jülichs - Play-Off-Chancen haben. Das sind lauter kompakte Mannschaften, da kann Jeder Jeden schlagen. Es wäre bei dieser Konstellation ein schöner Erfolg, erneut die Meisterschafts-Play-Offs zu erreichen. Zum Auftakt erwartet uns in Hanau ein schweres Spiel, auf das wir uns gewissenhaft vorbereiten."
"Patient" Tan Rui Wu jedenfalls scheint auf einem guten Weg zu sein - so der Klubchef: "Tan ist in Behandlung bei dem bekannten Sportmediziner Dr. Degwert in München, der prinzipiell grünes Licht gegeben hat. Jetzt geht es darum, wie er den Belastungen im Training standhält. Er trainiert nun bereits seit über zwei Wochen intensiv, zwei Einheiten am Tag, und ist schmerzfrei. Wir hoffen darauf, dass er gleich zu Saisonbeginn in alter Verfassung am Tisch steht." Wohlhaupter-Hermann stellt klar: "Es war bei Tan nie eine psychische Blockade, er hat seit der Rückrunde einfach immer mit wahnsinnigen Schmerzen und unter Spritzen gespielt."
Der Frickenhausener Unternehmer, dessen Firma Werzeugteile herstellt und Weltruf genießt, spricht freimütig über die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen: "Aufgrund der Wirtschaftskrise ist auch beim TTC Frickenhausen Abspecken angesagt. Künftig gibt es bei uns nur noch ehrenamtliche Funktionäre. Als Tribut an die Wirtschaftslage haben wir uns auch entschlossen, dieses Jahr keine Champions League zu spielen, die immer mit hohen Kosten einhergeht."
Zum beendeten Kapitel Würzburg merkt Wohlhaupter-Hermann noch an: "Ursprünglich war das Engagement Frank Müllers auf drei Spielzeiten angelegt, nun hat er sich aus wirtschaftlichen Gründen zurückgezogen. Das ist in Ordnung, es hat immerhin eine Saison lang unsere Sponsorenbasis vergrößert. Es kam ja auch keine echte Vereinsbindung in Würzburg auf. Auch in Frickenhausen konnten sich Viele damit nicht richtig anfreunden, sogar unser Bürgermeister, der dem Verein sehr gewogen ist, war damit nicht glücklich."
Nicht ohne Stolz spricht der Vereinspräsident vom Unterbau der Profi-Abteilung: "Unsere 'Zweite' macht uns viel Freude. Sie wird sicher von der Oberliga in die Regionalliga aufsteigen, das sollte mit Akerström und den drei Qius kein großes Problem werden."
Mit dem Ex-Bundesligaspieler Jürgen Veith hat man ein Frickenhausener Urgestein auf den nun ehrenamtlichen Managerposten zurückgeholt. Veith war bis 2001 bereits 13 Jahre Manager beim TTC und bekennt: "Dieser Verein ist eine Herzensangelegenheit für mich!" Der 52-jährige Chef eines Nürtinger Versicherungsbüros möchte dem "Tälesklub" neue Sponsoren erschließen sowie die Fans zurückgewinnen, die sich zuletzt in Zurückhaltung geübt hatten.
Gerade in Sachen Zuschauerresonanz soll sich etwas tun bei den Württembergern - muss es auch, denn mit nur 428 Zuschauern im Schnitt wurde 2008/09 ein beängstigender Minus-Rekord aufgestellt. Zum Vergleich: im Jahr zuvor hatte man mit 942 Besuchern noch das Rekordergebnis der Vereinsgeschichte erzielt, sonst lag man in der Regel bei knapp 700 Fans. Sämtliche anderen Klubs der Liga hielten dagegen ihr Publikum. Die Verbindung mit Würzburg über Landesgrenzen hinweg hat dem Zuschauerzuspruch wohl eher geschadet als genützt. Zudem hatte man im Neuffener Tal Probleme, sich mit dem neuen Spielsystem anzufreunden. Man befürchtete zu viele kurze Partien mit geringem Unterhaltungswert, eine Skepsis, die sich auch auf das potenzielle Tischtennpublikum der Region übertrug, zumal sie von den Medien entsprechend transportiert wurde. Die Realität sah jedoch freundlicher aus, es gab viele atemberaubend knappe, dramatische Begegnungen. Überall dort, wo man das "neue Produkt" positiv präsentierte, kamen die Menschen auch in die Hallen. Doch mittlerweile hat ein Umdenken eingesetzt. Rolf Wohlhaupter-Hermann: "Wie wollen die Fans, die immer reichlich kamen und uns den Rücken gestärkt haben, wieder zum Leben erwecken. Der alleine 50-prozentige Rückgang an Dauerkarten 2008/09 war auch darauf zurückzuführen, dass viele Leute aus der erweiterten Region Angst hatten, es würde sich nicht lohnen, für 3-0-Spiele eine Stunde mit dem Auto anzureisen. Aber das wird sich nun bessern. Die Liga ist so ausgeglichen wie nie zuvor und es sind viele ganz enge Spiele auf Weltklasseniveau zu erwarten, bei denen jeder Tischtennisfreund auf seine Kosten kommen wird. Frickenhausen soll wieder zur uneinnehmbaren Festung werden."
Im 15. Jahr ununterbrochener Zugehörigkeit zum Oberhaus hat man sich Einiges in Sachen Außendarstellung und Fanbindung vorgenommen. Dementsprechend sieht man auch dem ersten Event der DTTL-on-Tour-Serie erwartungsvoll entgegen, dem immer prickelnden Schwabenderby gegen den Rivalen aus Ochsenhausen am 6. September in der Arena Hohenlohe in Ilshofen, garniert mit einem Popkonzert der bekannten Gruppe "Fools Garden". Zwar sind die TTF Gastgeber, jedoch könnte Frickenhausen hier ein erstes Signal durch gute Fanpräsenz im 140 Kilometer entfernten "Hohenlohischen" setzen und vor laufenden TV-Kameras zeigen, dass man sich in jeder Hinsicht mit frischem Selbstbewusstsein zurückgemeldet hat.
Fazit und Prognose: Frickenhausen ist auch in dieser Liga der Superlative ein lupenreiner Play-Off-Kandidat, sofern der wieselflinke, an einer hartnäckigen Verletzung laborierende Tan Rui Wu sein Rückrundentief überwunden hat und schmerzfrei durchspielen kann. Zudem hängt einiges davon ab, ob sich Matsudaira auf dem hohen Niveau der Vorsaison stabilisieren kann. Nach dem eklatanten Zuschauerrückgang 2008/09 soll nun die Sporthalle auf dem Berg wieder zum Hexenkessel und zur uneinnehmbaren Festung werden. Verein und Fans haben sich mit dem neuen Spielsystem in der DTTL arrangiert und sehen der kommenden Spielzeit mit freudigem Optimismus entgegen. Wer ganz nach oben will, muss den TTC Frickenhausn schlagen - so leicht führt kein Weg an den wieder schwäbischen Schwaben mit dem "Sieger-Gen" vorbei.