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3:1 gegen Ochsenhausen: Borussia Düsseldorf ist Deutscher Meister und feiert das Triple!

Deutscher Meister 2009/10: Borussia Düsseldorf (Foto: Roscher).

Borussia Düsseldorf - TTF LIEBHERR Ochsenhausen 3:1

Die Düsseldorfer konnten und wollten heute zum 23. Mal Deutscher Meister werden sowie den 54. Titel ihrer an Erfolgen so reichen Vereinsgeschichte nach Hause bringen - Nummer 53 gelang dem Boll-Klub erst vor drei Tagen mit dem Sieg in der Champions League. Ein Sieg der Borussia-Profis gegen den alten Rivalen TTF Liebherr Ochsenhausen würde zudem gleichbedeutend mit dem historischen "Triple" sein - lediglich Grenzau schaffte vor 23 Jahren etwas annähernd vergleichbares mit dem Gewinn von Europapokal, Meisterschaft und Ligacup in einer Saison. Die Borussia selbst hatte 1994/95 ein "kleines Triple" feiern können, indem sie zu den beiden nationalen Titeln auch den ETTU-Cup ins Rheinland holte. Doch heute sollte das echte, das "richtige" Triple her, wie es eben noch kein deutscher Tischtennisverein zuvor geschafft hatte. Der Gegner aus Oberschwaben brannte freilich darauf, dem Rekordmeister die Suppe zu versalzen. Das 3:2 der Borussia aus dem Hinspiel (11:10 Sätze) ließ alles offen. 1.400 Zuschauer versammelten sich - trotz des schwülwarmen Wetters - in der erneut restlos ausverkauften Arena und hofften auf Weltklassetischtennis sowie den Triumph ihrer Düsseldorfer.

Im ersten Einzel des Abends standen sich Timo Boll und Adrian Crisan gegenüber. Im Hinspiel besiegte Boll Ochsenhausens Rumänen in fünf Sätzen. Der erste Satz ging nach recht ausgeglichenem Verlauf an Crisan (11:9). In Durchgang zwei erhöhte der Borussia-Crack sichtlich die Schlagzahl und setzte sich mit 11:5 durch. Nun hatte der Weltranglistenzweite anscheinend die richtige Betriebstemperatur erreicht und dominierte auch Durchgang drei (11:8). Crisan hatte nicht mehr viel entgegenzusetzen und sein Gesichtsausdruck zeigte zunehmend Resignation. Klare Sache dann auch für Boll im vierten Satz (11:4). Es stand 1:0 für den Titelverteidiger, der Druck auf den Gast aus Oberschwaben stieg.

Chuang Chih-Yuan stand im Anschluss gegen Christian Süß fast schon unter Siegzwang. Doch der Mannschafts-Vizeweltmeister spielte sehr bissig und entschlossen und gewann Satz eins mit 11:8. Im zweiten Durchgang kämpfte sich der kleine Taiwanese zwar nach klarem Rückstand auf 9:9 heran, musste dann aber doch das 9:11 hinnehmen. Es sah zu diesem Zeitpunkt sehr gut aus für Süß und die Borussia. Im dritten Satz dominierte der Asiate, derzeit im Welt-Ranking auf Position 16 notiert - 11:6 hieß es für Chuang. Würde Ochsenhausen nochmals herankommen oder Süß nun den sprichwörtlichen Sack zumachen? Der 1,86 Meter große Deutsche präsentierte sich im vierten Satz mental ganz stark, fing den bis dahin ständig führenden Chuang bei 8:8 ab und ließ dann keinen Punkt seines gewiss nicht schwachen Gegners mehr zu. In emotionaler Pose feiert der rotblonde Westfale seinen für die Borussia so wichtigen Sieg.

Viel fehlte nicht mehr zum historischen Sieg der Düsseldorfer, den der künftige Ochsenhausener Seiya Kishikawa nach der Pause gegen Tiago Apolonia bereits perfekt machen konnte. Im Hinspiel hatte der Japaner im Borussia-Dress klar das Nachsehen gehabt. Und der hagere Portugiese, unlängst auf Position 32 der Weltrangliste "emporgeschossen", hatte im ersten Satz alles im Griff und gewann diesen mit 11:5. Auch im zweiten Durchgang konnte "Kishi" seinen künftigen Teamkollegen nicht ernstlich gefährden - Apolonia setzte sich mit 11:7 durch. Durchgang drei gehörte aber dem immer besser ins Spiel findenden 22-jährigen Asiaten, auch wenn es - nach 9:4-Führung - gegen Satzende nochmals eng wurde (11:9). Mit demselben Resultat holte der Noch-Düsseldorfer auch den vierten Satz. Die Entscheidung rückte näher. Doch Apolonia konnte sie noch einmal "vertagen", indem er den auf hohem Niveau stehenden Entscheidungssatz mit 11:8 gewann.

Nun stand das Spitzeneinzel Boll vs. Chuang auf dem Plan. Trotz der Niederlage des Taiwanesen gegen Christian Süß zeigte sich TTF-Trainer Johansson vor dem Match optimistisch: "Ich glaube, dass Chuang heute eine gute Chance hat, Timo zu schlagen." Tatsächlich brachte ein bärenstarker Chuang Satz eins nach Hause (11:8). Im zweiten Durchgang - Anders Johansson hatte inzwischen vom Schiedsrichter die rote Karte erhalten - dominierte aber der DTTB-Nationalspieler und gewann 11:5. In Durchgang drei schien sich dies fortzusetzen - 9:5 führte Deutschlands Ausnahmespieler. Doch auf einmal traf Chuang jeden Ball, Boll zeigte eine gewisse Nervosität und plötzlich hieß es 11:9 für den wendigen TTF-Akteur. Danach drehte Timo den Spieß um und machte aus einem 2:5 ein 11:6 - der fünfte Satz musste die Entscheidung in diesem spannenden Match bringen. Gespielt waren inzwischen dreieinviertel Stunden. Und Timo Boll holte nochmals alles aus sich heraus und verwandelte um 22:25 Uhr seinen ersten Matchball. Der Jubel der Düsseldorfer Spieler, des Managements und der Fans war unbeschreiblich.

Aus den Händen von DTTB-Präsident Thomas Weikert und DTTB-Sportdirektor Dirk Schimmelpfennig nahmen die Sieger Pokal, Wimpel und Medaillen entgegen. Anschließend durfte im Siegessekt geduscht werden, während eine leistungsstarke Konfettikanone die ganze Szenerie in zum Anlass passende Goldtöne tauchte. Danach war ausgelassenes Feiern angesagt, zunächst im DTTZ, später in der Düsseldorfer Altstadt, wo es dem Vernehmen nach bis vier Uhr morgens hoch herging.

Das "Triple" war - auch für die erfolgsverwöhnten Borussen - ein Schritt von historischer Dimension. Eine vergleichbare Erfolgsbilanz gab es lediglich einmal in der deutschen Tischtennisgeschichte, nämlich vor 23 Jahren in der Saison 1986/87. Damals waren die Grenzauer das Maß aller Dinge und holten - zwölf Jahre vor Einführung der Champions League - Europapokal, nationalen Pokal und Meisterschaft ins Brexbachtal.

Die Borussia jedenfalls hat Geschichte geschrieben und ganze drei Tage nach dem 53. bereits den 54. Titel der Vereinsgeschichte unter Dach und Fach gebracht - den Münchner Fußball-Bayern ist man damit wieder eine Nasenlänge voraus, sowohl in der Gesamtzahl der Titel als auch in der Anzahl nationaler Meisterschaften.

Der Gegner aus Ochsenhausen, bei dem nur Tiago Apolonia im Kader für die kommende Saison bleibt, hat sich in beiden Finalspielen großartig verkauft und und der deutschen Ausnahmemannschaft alles abverlangt. Der vierte deutsche Meistertitel der Klubhistorie nach 1997, 2000 und 2004 war der Johansson-Truppe jedoch nicht vergönnt.

O-TÖNE AUS DEM ARAG CENTER COURT

Andreas Preuß (Manager Düsseldorf): "Unglaublich, einfach nur Wahnsinn! Ich bin schon viele Jahre in diesem Geschäft dabei, aber so etwas habe ich noch nie erlebt. Danke an unser gesamtes Team, an unsere Partner und unsere Fans in Düsseldorf und überall auf der Welt. Alle haben ihren Teil dazu beigetragen, dass wir heute dieses Triple feiern dürfen. Und nach der heutigen offiziellen Eröffnung des Tischtennis-Zentrums durch unseren Innenminister Dr. Ingo Wolf und Sportdezernent Burkhard Hintzsche Geschichte zu schreiben, ist einfach perfekt."

Dirk Wagner (Trainer Düsseldorf): "Heute wird nur noch gefeiert. Das Triple und zugleich auch Abschied. Nach dem letzten Ball wird einem bewusst, dass du das nicht mehr erleben wirst. Das war mein letztes Spiel auf der Borussia-Bank, bald beginnt ein neuer Abschnitt. Daher sind die feuchten Augen nicht nur Freudentränen, sondern auch richtige Tränen. Ich bin stolz auf meine Mannschaft und auf das, was wir erreicht haben. Einen schöneren Abschied kann es nicht geben."

Dr. Fritz Wienke (Präsident Düsseldorf): "Wir haben eine großartige Mannschaft, die vom ersten Spieltag an alle spüren ließ, dass sie hungrig auf Erfolg ist und das eindrucksvoll Spieltag für Spieltag unter Beweis stellte. Das war aber nur möglich, da Teamgeist, Leidenschaft gepaart mit Spielfreude und Spaß die Tugenden dieser Mannschaft waren. Ich bin unheimlich Stolz."

Hans Wilhelm Gäb (Ehrenpräsident DTTB, Verwaltungsratsvorsitzender Düsseldorf): "Heute habe ich mich über den Sieg ganz besonders gefreut, weil dazu eine ganz große sportliche, physische und mentale Leistung notwendig war. Diese Ochsenhausener Mannschaft hat Weltklasse gespielt und sie zu schlagen, war eine außerordentliche Anstrengung. Deswegen freut ein solcher Titel ganz besonders.
Wir denken aber in Düsseldorf nicht nur an Titel und Erfolge. Wir alle, die wir in dem Verein mitwirken, haben ja unser Engagement bei der Borussia niemals von Erfolgen abhängig gemacht. Wenn das so wäre, hätten wir wahrscheinlich nicht 50 Jahre zusammengehalten. Heute waren drei Spieler unter den Zuschauern - ich darf mich dazu zählen -, die 1961 den ersten deutschen Meistertitel für die Borussia gewonnen hatten. Es gibt hier ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das uns stark macht. Wir versuchen zwar immer zu gewinnen. Wenn es klappt, ist es gut, wenn nicht, wirft uns das aber auch nicht um. Wichtiger ist, dass die Liebe zu unserem Sport vorhanden ist, dass wir anständig gewinnen und anständig verlieren. Solche Prinzipien tragen uns weiter.
Hinter dem, was wir in Düsseldorf und in der Region erreicht haben, stecken intensive Vereinsarbeit und ein paar richtige Grundideen. Wir haben versucht, Tischtennis so gut zu präsentieren, wie dieser Sport ja auch in Wirklichkeit ist. Der Funke hat gezündet, die Stadt und immer mehr Zuschauer stehen hinter uns und unserer Idee. Es ist erkannt worden, dass Tischtennis eine extrem dynamische, artistische und spannende Sportart ist."


Christian Süß: "Wir haben Einmaliges erreicht. So eine Chance bekommt man nicht alle Tage, und diese zu nutzen ist natürlich umso schöner. Ich bin überwältigt und überglücklich, Teil dieser Mannschaft sein zu dürfen."

Timo Boll: "Ich habe schon den ein oder anderen Titel in meiner Karriere gewonnen. Doch dieser heute ist doppelt schön, da er für uns mehr bedeutet als `nur´ den Gewinn der Meisterschaft. Wer weiß, ob sich so eine Erfolgsgeschichte wiederholen lässt. Daher genießen wir alles, was heute noch kommt. Die Feier wird bestimmt eine ganz Besondere, so, wie unsere Erfolge."

Seiya Kishikawa: „Der Sonntag war für mich persönlich besser, heute war für uns alle aber das Allergrößte.“

Rainer Ihle (Präsident Ochsenhausen): "In den ersten beiden Spielen war zu wenig Leidenschaft und Wille zu spüren. Das hat mich enttäuscht und ich dachte, unsere Chancen auf den Sieg wären noch so groß wie die eines Schneeballs im Hochofen. Nach der Pause wurde es aber besser, da waren wir ein fast ebenbürtiger Gegner. Alles in allem sind wir erneut an einer noch besseren Mannschaft gescheitert und Düsseldorf hat insgesamt verdient gewonnen. Es hat sich heute wieder gezeigt, dass unser personeller Umbruch richtig ist. Wir brauchen mehr solcher Spieler wie Tiago Apolonia, die alles geben und das Publikum begeistern, Spieler bei denen der Funke überspringt. Und ich glaube, wir haben sie gefunden."

Kristijan Pejinovic (Generalmanager Ochsenhausen): "Wir haben uns in beiden Spielen teuer verkauft. Für die Zuschauer waren es zudem zwei sehenswerte Endspiele. Wir lassen den Kopf nicht hängen und werden nächste Saison wieder angreifen."

Tiago Apolonia: „Heute war Düsseldorf wieder einmal ein kleines Stückchen besser als wir. Aber es war unter dem Strich eine gute Saison für uns, wie schon die vorherige. Leider hat es zu keinem Titel gereicht, dennoch können wir mit den Leistungen zufrieden sein. Es war für mich eine große Freude, mit Chuang, Crisan und Gerell in einer Mannschaft gespielt zu haben. Mein Match heute gegen Kishikawa war recht gut und interessant für die Zuschauer. Er war heute viel stärker als im Hinspiel. Ich freue mich darauf, nächste Saison zusammen mit ihm für Ochsenhausen spielen zu können.“

Dirk Schimmelpfennig (DTTB-Sportdirektor): „Das TTF-Trio hat Borussia zu großer Leistung gezwungen. Christian Süß hat Weltklasse gespielt.“

Thomas Weikert (DTTB-Präsident): „Das war Tischtennis auf dem Niveau der Weltmeisterschaft. Unglaublich, dass die Spieler das so hinbekommen haben. Es war einfach begeisternd.“

Lars Hielscher (Werder Bremen): „Unglaublich, solche Leistungen in dieser Bullenhitze. Borussia hat einen starken Gegner geschlagen.“

Vor dem sportlichen Highlight hatte ein festlicher Akt auf dem Programm gestanden: Zusätzlich wurde an diesem Tag nämlich das umfassend modernisierte Tischtennis-Zentrum offiziell und feierlich eröffnet. Das Rahmenprogramm unter den Augen von NRW-Sportminister Dr. Ingo Wolf begann eine halbe Stunde vor Spielbeginn. Hans Wilhelm Gäb hielt die kurze Festrede. Geehrt von Präsident Dr. Fritz Wienke wurden kurz vor Spielbeginn auch die scheidenden Borussia-Spieler Seiya Kishikawa und Trinko Keen sowie Trainer Dirk Wagner, der an die Werner-Schlager-Akademie in Österreich wechselt.

Die Highlights des Spiels zwischen Düsseldorf und Ochsenhausen gibt es am Donnerstag, 10. Juni, ab 19:30 Uhr in Sport1 wie auch vormittags im ARD Morgenmagazin zu sehen. Zudem gab es einen Internet-Livestream auf www.DTTL.tv .

 

FOTOIMPRESSIONEN VOM JUBELN UND FEIERN

 

DTTL-Mediendienst; Dr. Stephan Roscher (Text, Interviews & Fotos)